European Vegetarian Union

"Die Menschen kommen zuerst!"
Helmut F. Kaplan
Español - Italiano - Aus EVU-News, Ausgabe 4/1996 - English

[photo: Helmut Kaplan]

Einer der beliebtesten und dümmsten Vorwürfe gegen Tierrechtler lautet: "So lange es auf der Welt so viel menschliches Leid gibt, ist es unverantwortlich, Zeit und Energie für Tiere zu verschwenden. Die Menschen kommen zuerst!"

Wer diese Forderung erhebt, beweist zweierlei: Erstens, dass er nicht weiss, wovon er spricht und zweitens, dass er nicht zu jenen gehört, denen die Menschen wirklich am Herzen liegen: Wer sich nämlich wirklich um Tiere kümmert, dem sind auch die Menschen ein Anliegen. Ethik ist unteilbar! "Die Menschen kommen zuerst!" ist ein billiger und schäbiger Vorwand dafür, um weder für die Tiere noch für Menschen etwas zu tun.

In Wirklichkeit sind ja auch Tierechtsbewegung und Menschenrechsbewegung eine Einheit. Man kann nicht Sklaven befreien oder Frauen emanzipieren oder Homosexuelle anerkennen oder Tiere schützen. Vielmehr muss man einfach einmal erkennen: Die Interessen eines Lebewesens dürfen nicht deshalb weniger zählen, weil dieses Lebewesen zu einer anderen Gruppe gehört.

In der konkreten Praxis ist freilich, wie im gesamten Bereich gemeinnütziger Tätigkeiten, eine Aufgabenteilung sinnvoll und selbstverständlich. Daher ist auch überhaupt nichts Anstössiges daran, dass sich einige Menschen auf die Belange von Tieren konzentrieren. Einer Museumsgesellschaft wird schliesslich, wie Gotthard M. Teutsch treffend feststellt, auch nicht vorgeworfen, dass sie sich nur um alte Kunst und nicht auch um alte Menschen kümmert!

In weiten Bereichen lässt sich Menschen- und Tierliebe aber ohnehin trefflich unter einen Hut bringen. So wird zum Beispiel niemand in seinem Engagement für Menschen dadurch beeinträchtigt, dass er keine Tiere umbringt und aufisst!

Darüber hinaus sind solche absoluten Prioritätensetzungen wie "Die Menschen kommen zuerst!" ohnehin von vornherein unsinnig und unverantwortlich. Nehmen wir etwa die Forderung: "Für unsere Nächsten sind wir mehr verantwortlich als für Fremde." Das können wir zwar vielleicht im Konfliktfall als Verhaltensregel akzeptieren. Aber es wäre doch, wie Teutsch bemerkt, völlig abwegig, Fremden immer erst zu helfen, wenn bei unseren Nächsten alle Bedürfnisse voll befriedigt sind! Es wäre absurd zu sagen: "Spenden für verhungernde Kinder in Afrika kommen erst in Frage, wenn alle meine Kinder einen eigenen Fernseher haben."

Oder nehmen wir die an sich vernünftige Prioritätensetzung: "Ueberleben ist wichtiger als Gleichberechtigung." Selbst hier wäre eine Verabsolutierung unverantwortlich. Das erkennt man sofort an der Unhaltbarkeit eines Vorwurfs wie; "Wie kann man nur bei uns für die Gleichberechtigung der Frauen kämpfen, solange sich in Afrika die Menschen gegenseitig abschlachten.

Auch geht es nicht nur um abstrakte Prioritäten, sondern auch darum, wo uns Leid und Unrecht persönlich begegnen. Wenn wir zum Beispiel zu einem Autounfall kommen, wäre es abwegig zu sagen: "Leider kann ich jetzt hier nicht helfen, denn anderswo gibt es noch viel schrecklichere Unfälle!" Selbstverständlich müssen wir dort handeln und eingreifen, wo wir Leid und Unrecht antreffen. Und: Mit Unrecht gegenüber Tieren werden wir täglich konfrontiert - auf unserem Teller.

Helmut F. Kaplan ist Autor von: Philosophie des Vegetarismus (1988) - Sind wir Kannibalen? (1991) - Leichenschmaus (1993) - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung - Warum ich Vegetarier bin (1995)



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