|
Vegetarismus ist Liebe zu Tier und Mensch
Ich bin hier als Vertreterin der SVV (Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus) und als Sekretärin der EVU (Europäischen Vegetarier-Union), dem Dachverband der ca. 90 vegetarischen Vereinigungen und Organisationen in Europa. Schnell möchte ich noch einmal die einzelnen Stufen des Vegetarismus erklären, da sie nicht immer ganz klar sind. Vegetarismus bedeutet: Ernährung ohne Produkte vom toten Tier, also kein Fleisch, kein Geflügel, kein Fisch. Lacto-Ovo Vegetarier essen pflanzliche Nahrung, Milchprodukte und Eier. Lacto Vegetarier essen keine Eier, wohl aber Milchprodukte. Veganer essen nichts vom Tier also keine Milchprodukte, Eier oder Honig. Heute wissen sogar schon die meisten Kinder, was Vegetarismus bedeutet. Das war ganz anders, als ich jung war. Ich bin als Vegetarierin geboren und hatte viel Mühe, meinen Bekannten und Freunden zu erklären, was das bedeutete, wenn ich sagte: "Ich bin Vegetarierin." Von Sekte bis eigenartiger Krankheit reichten die Vermutungen. (Vegetarierin klingt fast wie Diabetikerin ). Dann war meistens das Entsetzen gross: „Was, du isst kein Fleisch? Woher bekommst du dann dein Eiweiss und dein Eisen?" Heute sind wir da sehr viel weiter. Es wurden viele Langzeitstudien an Tausenden von Vegetariern durchgeführt, die klar bewiesen haben, dass die fleischlose Lebensweise eindeutig gesünder ist. In den Vegetarierstudien der Uni Giessen, des Krebsforschungs-Zentrums Heidelberg, des Bundesgesundheitsamtes Berlin, der Oxford Studie, der kalifornischen Mormonen Studie und der Chinesen Studie kamen übereinstimmend folgende Ergebnisse zu Tage: Tierische Eiweisse und Fette sind die Hauptursachen der meisten Erkrankungen. Trotz höherer Lebenserwartung gab es bei den Vegetariern bis zu 80% weniger Fälle von Krebs, Herzkreislaufkrankheiten, Diabetes, Osteoporose und Stoffwechselkrankheiten. Man erkannte eindeutige Vorteile der Pflanzennahrung: ideales Körpergewicht, normale Blutdruck- und Cholesterin-Werte sowie eine bessere Nierenfunktion. Es konnte keine Mangelversorgung festgestellt werden, weder an Aminosäuren noch Vitamin B12 oder Kalzium und Eisen. In den letzten 100 Jahren hat sich unsere Nahrung durch steigenden Lebensstandard und vor allem durch eine einseitige Verbraucherinformation geändert. Gegenüber 1900 werden heute pro Kopf 50% mehr Rindfleisch, 70%, mehr Fisch, 120% mehr Eier und 280% mehr Geflügel konsumiert. Im gleichen Zeitraum, mit Ausnahme der Kriegsjahre, stiegen die Herzkreislauf-erkrankungen und Krebsfälle um 3-5% jährlich an, und sie tun es immer noch. Krebs ist die häufigste Todesursache bei Kindern unter 12 Jahren. In den letzten 7 Jahren gab es laut „Beobachter" 12'000 Lebensmittelvergiftungen in der Schweiz. Fast alle standen in Zusammenhang mit Geflügel-, Fleisch- oder Molkereiprodukten. Im Zuge des BSE-Skandals hat sich eigentlich niemand gewundert, dass die reinen Pflanzenfresser Kühe erkranken mussten, als sie gezwungen wurden, tierische Nahrung zu sich zu nehmen. Es sei ein unglaublicher Unfug, den Pflanzenfresser Rindvieh mit Fleisch zu füttern, konnte man in einer Zeitung lesen. Nun lassen die bedeutendsten Naturforscher, angefangen von Carl von Linné über Alexander von Humboldt bis hin zu Charles Darwin keinen Zweifel daran, dass die Anatomie des Menschen nur den einen Schluss zulasse, nämlich, dass die Pflanzennahrung für ihn allein richtig sei. Wenn die Naturforscher recht haben, wäre es dann nicht ein unglaublicher Unfug, den Pflanzenfresser Mensch mit Fleisch zu füttern? Beim Menschen müssten wir dann statt von BSE vom Creutzfeld-Jakob-Syndrom, von Krebs, Herzkreislauf-Erkrankungen, Rheuma, Arthrose, Diabetes usw. sprechen. Unsere falsche Ernährungsweise hat aber nicht nur Auswirkungen auf die eigene Gesundheit und das Krankenwesen- eine Bypass-Operation kostet in der Schweiz beispielsweise rund 30'000 Franken- sondern auch gravierende Folgen für die Umwelt. Wir müssen uns klar vor Augen halten, dass eine Ernährung auf Fleischbasis 20 mal mehr Land und 14 mal mehr Wasser erfordert als eine Ernährung auf pflanzlicher Basis. Die Produktion von einem Kilo Fleisch erfordern 10-16 Kilo Getreide und andere pflanzliche Nahrung. Mit dem Futter, das an unsere Schweine, Geflügel und Rinder verfüttert wird, liessen sich 80% der Schweizer Bevölkerung direkt ernähren, schreibt das St. Galler Tagblatt in der Ausgabe vom 26.August '96. Bei der Gelegenheit erfährt man auch, dass die Weltgetreide-Reserven seit 20 Jahren den tiefsten Stand erreicht haben und nur für 48 Tage reichen,. 70% des Weltwasserverbrauchs gehen auf das Konto für den Anbau von vor allem Futtermitteln. Man hat errechnet, dass für die Erzeugung von 4kg Rindfleisch eine Wassermenge verbraucht wird, die eine normale Familie in einem Jahr konsumiert. Die Tierexkremente, die zur Hälfte für Wasserverschmutzung und Grundwasserverseuchung verantwortlich sind, betragen in Europa und Amerika zusammen 110 Tonnen pro Sekunde. Davon sind 2/3 Gülle. In Form von Nitraten und Ammoniak verseuchen sie unsere Gewässer. Die Verdunstung der ammoniakhaltigen Jauche unserer Massentierhaltung verursacht durch die Umwandlung zu Salpetersäure einen Teil des sauren Regens. Ammoniakwolken aus dieser Gülle sind noch bis Lappland nachweisbar. Die Weltwoche (Wochenzeitung) schreibt in ihrer Ausgabe vom 19. September 1996: „Von den 40'000 Tonnen Nitrat, die jährlich in das Schweizer Grundwasser gelangen, sind 37'000 aus Bauernhöfen. Für die gesamte Stickstoffbelastung von Luft und Wasser ist der Nährstand zu 40% verantwortlich."- 60 - 70% der Fleischproduktion sind Abfall. In der Centravo in Bazenheid/ST Gallen allein sind es 290'000 Tonnen jährlich. Wohin uns die Verwertung als Kraftfutter geführt hat, haben uns die verrückten Kühe gezeigt. Doch nun komme ich zum Hauptgrund, warum wir kein Fleisch essen sollten: fühlende, leidensfähige Lebewesen müssen dafür ihr Leben lassen. Jährlich werden weltweit 13 Milliarden Tiere, in der Schweiz 30 Mio. Tiere geschlachtet. Die Produktion solcher Mengen ist nur in Intensivmast möglich. Enges Eingesperrtsein, fehlende Ruheplätze, nicht artgemässe Nahrung und keine sozialen Kontakte verursachen dauernden Stress und Qualen bei den Tieren, die dann mit immer höheren Einsätzen von Arzneimitteln wie Antibiotika, Hormonen, Psychopharmaka, Beruhigungsmitteln usw. bekämpft werden müssen. Diese Mittel reichern sich in den Tieren an und landen schlussendlich auf dem Teller des Verbrauchers. Erschütternde Bilder von Viehtransporten quer durch Europa hat uns das Fernsehen übermittelt, wobei manchem Zuschauer schon der Appetit auf Fleisch vergangen sein mag. Vor kurzem konnte man lesen, dass ein Schiff in Brand geraten und gesunken ist, das 67'000(!) Schafe von Neuseeland nach Jordanien transportieren sollte. Die Besatzung habe sich retten können, hiess es lakonisch, die Schafe seien alle verbrannt und ertrunken. Nicht jedem Fleischesser ist bewusst, dass die Kühe in der Regel einmal im Jahr künstlich besamt werden und ihnen die Kälbchen meistens sofort nach der Geburt entrissen werden. Das junge Kalbsleben endet oft nach ein paar Monaten im Schlachthof. Auch Schweine und Hühner leiden unbeschreiblich in ihrem kurzen Dasein. Jedes Jahr sterben in der Schweiz allein zirka 500'000 Hühner unbetäubt und oft schon mit auf dem Transport gebrochenen Flügeln und Beinen. Männliche Küken werden lebendig durch den Fleischwolf gedreht und zu Kraftfutter verarbeitet. Die Liste der Greueltaten liesse sich beliebig fortsetzen.
Doch auch wenn die Tiere "artgerecht" gehalten werden und aus ihnen das sogenannte „Bio-Fleisch" wird, bleibt die Tatsache bestehen, dass man ihnen viel zu früh das Wertvollste nimmt, das sie besitzen, nämlich das Leben.
Ich habe versucht, kurz einige Gründe aufzuzeigen, die für eine fleischlose Ernährung sprechen. In den Medien konnte man in letzter Zeit, ausgelöst durch den BSE Skandal ja auch ausführlich darüber lesen. „Haben die Vegetarier doch recht?", hiess es in einer Zeitung. Bei der Gelegenheit erfährt man dann auch, wer von den prominenten Leuten gegenwärtig vegetarisch lebt. Ich will nur einige aufzählen: Carl Lewis, Martina Navratilowa, Edwin Moses, Richard Gere, Bruce Springsteen, Paul McCartney, Robert Redford, Madonna, Tina Turner, Whitney Houston, Montserrar Caballe, Paul Newman, Shirley Bassey, Nina Hagen, Stevie Wonder, Peter Gabriel, Alain Sutter, Astrid Lindgren. Spätestens mit Bundesrat Moritz Leuenberger, (Schweizer Minister für Verkehr u. Transport) der als „bekennender Vegetarier" beschrieben wird, sind wir Vegetarier in der Schweiz gesellschaftsfähig geworden.- Es gibt unzählige Gründe, die gegen das Fleischessen sprechen und eigentlich nur einen, der dafür angeführt werden kann: Wenn jemand sagt, das Fleisch schmecke ihm halt gut. Für diese Leute hat die Lebensmittelindustrie aber in letzter Zeit sehr viele Produkte auf den Markt gebracht, die vegetarisch sind, manchmal sogar vegan, und gut schmecken sollen, „so gut wie Fleisch", wie es in einer Reklame heisst. Ich bin überzeugt, dass noch mehr solcher Produkte auf den Markt kommen werden, wenn die Nachfrage weiter anhält. Mit drei Zitaten berühmter Vegetarier zu den bei dieser Veranstaltung angesprochenen Themen möchte ich schliessen. Mahatma Gandhi sagte.: „Das schwärzeste aller Verbrechen, das heute auf dieser Welt begangen wird, ist die Vivisektion und muss mit allen Mitteln bekämpft werden." Von Albert Einstein stammt folgender Ausspruch: „Nichts wird die Chancen für ein Ueberleben auf der Erde so steigern, wie der Schritt zur vegetarischen Lebensweise." Und Wilhelm Busch sagte: „Wahre menschliche Kultur gibt es erst, wenn nicht nur Menschenfresserei, sondern jede Art des Fleischgenusses als Kanibalismus gilt."
Sigrid De Leo
|